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26.07.11 09:52
"Arche des Geschmacks"

Rettet, was man essen kann

Von: Christina Hölz

Sie tragen klangvolle Namen. Höri Bülle, Champagner-Bratbirne, Stuttgarter Geishirtle. Alle diese Lebensmittel haben eines gemeinsam: Es sind ArchePassagiere - seltene Produkte, die es zu schützen gilt.

Schützenswertes Lebensmittel: die Ermstäler Kirsche. (Foto: SWP Archiv)

Die Frittenbräter mit dem großen gelben "M" und andere Fastfoodbuden haben sie auf den Plan gebracht: Die Leute von "Slow Food", einer weltweiten Vereinigung von "bewussten Genießern und mündigen Konsumenten", wie sich die Vereinsmitglieder selbst bezeichnen. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Kultur des Essens und Trinkens zu pflegen und lebendig zu halten. Dazu gehört der Schutz bestimmter vom Aussterben bedrohter Pflanzen und Lebensmittel in der "Arche des Geschmacks", einem internationalen Projekt von Slow Food, entwickelt von der Stiftung für Biodiversität. Die Kampagne will lokale und regionale Produkte Produkte vor dem Vergessen retten, die entweder aus der Mode gekommen sind - oder wirtschaftlich nicht mehr am Markt bestehen.

Womit wir wieder bei der Höri Bülle wären. Dabei handelt es sich um eine rote Speisezwiebel, die traditionell auf der Bodensee-Halbinsel Höri angebaut wird. Oder das Stuttgarter Geishirtle, eine alte süddeutsche Birnensorte, die ebenfalls in ihrer Existenz bedroht ist. Auch die Frucht gehört zu den rund 30 Arche-Passagieren in Deutschland, genauso wie die "Klassiker" aus der Region : Die Albschnecken, die Lauteracher Alblinsen und die Champagner Bratbirne aus der Manufaktur von Jörg Geiger in Schlat (Landkreis Göppingen). Geiger sichert so den Erhalt der markanten Birnenbäume auf den Streuobstwiesen des Albvorlandes. Und es sieht so aus, als ob seine Birne in der Arche bald fruchtige Gesellschaft aus dem Kreis Reutlingen bekommen sollte: Die Ermstäler Knorpelkirsche, die auf den Obstwiesen rund um Dettingen und Neuhausen gedeiht, soll demnächst neuer Passagier in der Arche werden.

Das jedenfalls sagt Dr. Roman Lenz, Vorsitzender des "Slow Food Conviviums" Stuttgart: "Wir arbeiten noch am Gutachten - dann gehört die Knorpelkirsche dazu." Der Nürtinger FH-Professor muss es wissen. Seit Jahren zählt er zu den Fürsprechern und Wegbereitern der Slow Food-Bewegung in der Region. International vorangebracht hatte die Initiative der Italiener Carlo Petrini. Der heutige Präsident von "Slow Food-International" setzte sich schon vor 20 Jahren für Nahrungsmittel ein, die erzeugt werden nach dem Credo gut, sauber und fair.

Handwerkliche Produkte statt preiswerter Massenproduktion, regionale Spezialitäten statt Gleichmacherei in der Küche: Die Italiener wandten sich damals nicht nur gegen Mc Donalds und Co., sondern auch gegen die vielen Fertigprodukte, die in den Supermarktregalen auftauchten. An den langfristigen Erfolg von Petrinis Mission hat Roman Lenz immer geglaubt. Überrascht ist der Stuttgarter Slow Food-Chef über die Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge in der Region entwickelt haben. Ob Musmehl aus der Getreidemühle in Buttenhausen, Kirschen aus dem Ermstal oder die Reutlinger Schietwecken (auch sie stehen auf der Warteliste für die "Arche"): Hinter diesen Produkten stehen Pioniere, "Überzeugungstäter", die sich abwenden vom kulinarischen Einheitsbrei. Nur Lohn der Frohn, dass eine Arche-Mitgliedschaft ihnen einen Marketing-Vorteil bringen dürfte.

Und die Verbraucher? Fünf bis zehn Prozent konsumieren die schützenswerten Lebensmittel heute, rechnet Roman Lenz. In fünf Jahren werden es seiner Meinung nach doppelt so viele sein - "das Potential in der Bevölkerung liegt bei rund 30 Prozent."

Die breite Masse wird die Slow Food-Bewegung freilich nicht erreichen. Für Roman Lenz kein Problem. Das Ganze sei ein Flaggschiff, sagt er. "Irgendwo leuchtet etwas und im Kielwasser schwimmen andere mit."

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