Bäcker: Erst durch Geburt, dann aus Leidenschaft
Zwiefalten. Hineingeboren in einen Bäckerbetrieb, war die Berufswahl für Günther Weber eigentlich nie eine Frage. Etwas anders als üblich war der Weg des Biobäckers, der den Loretto-Hof betreibt, dennoch.

- Erst Familien- dann Kollektivbetrieb und seit zwölf Jahren ist Günther Weber auf dem Loretto-Hof heimisch. Foto: Anja Mader
In den Bäckerberuf sei er über seine Familie hineingewachsen, erzählt Günther Weber, seine Eltern hatten eine Bäckerei, die er und sein Bruder einmal übernehmen sollten. So sei er zuerst Bäcker durch Geburt gewesen, sagt Weber schmunzelnd, in der Zwischenzeit ist er "Bäcker aus Leidenschaft".
Seit zwölf Jahren betreibt er mit seiner Frau und seiner Schwägerin den Loretto-Hof über Zwiefalten. Annette Bürkle, die Schwester seiner Frau Daniela, hatte vorher schon auf der Maisenburg eine Ziegenzucht. Als der Hof, der zuvor eine landwirtschaftliche Außenstelle des Zentrums für Psychiatrie war, zum Verkauf stand, haben sie beschlossen, den Schritt zu einer Hofgemeinschaft zu wagen.
Wobei neue Wege für Günther Weber nichts Neues sind. Bereits als er und sein Bruder den elterlichen Betrieb in Winnenden erwartungsgemäß übernommen haben, war das so. Eine 70-Stunden-Woche, wie seine Eltern sie oft hatten, war für Günther Weber nie ein erstrebenswertes Ziel - und so wurde der Familien- in einen Kollektivbetrieb umgewandelt. Zehn der zwölf Angestellten wurden Gesellschafter, einer davon seine Frau, die er am Backofen kennengelernt habe.
"Einmal pro Woche gab es ein Plenum", erinnert sich Weber, in dem ausgiebig diskutiert wurde, gemeinsam statt von einem Inhaber wurde die Richtung festgelegt, ein Modell, das sich im Übrigen bewährt hat, bis heute gibt es das Unternehmen. Gebacken wurde von Anfang an und aus Überzeugung Bioware, "das war damals eher ungewöhnlich", sagt Weber, traf aber angesichts aufkeimender alternativer Lebensformen und Protestbewegungen den Nerv der Zeit. Für Weber, der sich in der Solidaritätsbewegung engagierte und in Nicaragua war, war diese Produktion ebenfalls nur logisch.
Nach 15 Jahren Kollektivbetrieb wünschten sich die beiden eine neue Herausforderung, Loretto erschien da gerade richtig. Holzofenbrot und Ziegenkäse sind eine passende Kombination, die ehemalige Kapelle eignete sich bestens für einen kleinen Hofladen und in der Abgeschiedenheit oberhalb der Münstergemeinde kehren die Besucher gerne nach einem Einkauf in der Gartenwirtschaft ein. In den Wintermonaten wird auf Loretto pausiert, weil die Ziegen dann keine Milch geben. Genug zu tun gibts freilich trotzdem, sei es Großputz oder Inventur.
Außerdem legt Günther Weber gerne eine Woche Auszeit in Inzigkofen ein, um etwas zu lernen. Die Wahl fiel auf eine Schreibwerkstatt, seine Erwartungen: "Eine Woche schreiben und nicht an Holzofenbrot und Ziegenkäse denken." Doch als die kreative Schreibübung anstand, gelang es Weber gerade mal zehn Minuten gegen seine Ideen anzudenken - entstanden ist die Erzählung "Ein Ziegenkäse von elf Tagen". Absicht sei es nicht gewesen, betont er, doch vielleicht ein Ausdruck davon, wie zufrieden er mit seinem Dasein ist.
Die Geschichte des Ziegenkäses hat er in der Zwischenzeit als Broschüre im Eigenverlag herausgegeben, ermutigt von ersten Lesern aus dem Bekanntenkreis, die Freude daran hatten. Es ist die Erzählung, wie aus Ziegenmilch ein Käse heranreift, die die Arbeit auf dem Loretto-Hof dokumentiert, die sich aber auch auf die menschliche Existenz übertragen lässt, auf Wendepunkte im Leben, bittere Wahrheiten, Möglichkeiten und die Erfüllung. Für den Ziegenkäse, der aus der Ich-Perspektive sein Leben erzählt, wäre es der Traum gewesen, am elften Tage verspeist zu werden. Als dies nicht geschieht, gelangt er zur Erkenntnis: "Wahre Lebenskunst, jeder Käse weiß das, besteht nicht darin, den Verhältnissen seinen Willen aufzuzwingen. Wirkliche Größe besitzt, wer seine Situation mit kühlem Verstand durchschaut, den wandernden Uhrzeiger zu seinem Freund macht und aus jedem Reifezustand das Beste herausholt."
Dem Ziegenkäse bleibt seine eigentliche Erfüllung verwehrt, Günther Weber und seine Familie scheinen ihre jedoch, oben auf Loretto, gefunden zu haben.
Info
Ab April hat der Loretto-Hof wieder freitags, samstags, sonn- und feiertags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.












