Apfelernte im Ermstal beginnt
Die Obstbauern müssen nicht in den sauren Apfel beißen: Üppig behangen stehen die Bäume im Saft. Die Apfelernte im Ermstal, die heuer früher begonnen hat, verspricht viele Früchte - und gute Preise.

- Fruchtige Ladung: Bei Rolf Schäfer im Neuhäuser Haus- und Gartenmarkt liefern Obstbauern jetzt ihre Frühäpfel an. (Fotos: Thomas Kiehl)
Frühjahr sonnig, Ernte gut? So einfach ists nicht, doch dieses Obstjahr könnte eine Saison der fruchtigen Superlative werden. Erstens: Die Apfelernte im Ermstal hat heuer gut zehn Tage früher als sonst begonnen. Zweitens: Die Bäume unterm Albtrauf hängen so voll wie schon lange nicht mehr. Und drittens kann die Region mit weit mehr der knackigen Früchte dienen als viele andere Anbaugebiete in Baden-Württemberg - weswegen die Bauern in den Keltereien und Annahmestellen dieses Jahr wohl ordentlich für ihre Ware entlohnt werden.
Gut acht Euro bekommen die Wieslesbesitzer für 100 Kilo Äpfel ausbezahlt, wenn sie ihre frühen Früchte jetzt beispielsweise beim Haus- und Gartenmarkt in Neuhausen anliefern, sagt Rolf Schäfer. Der Eninger ist im Hauptberuf Marktleiter, im ehrenamtlichen Nebenjob Vorsitzender des "Arbeitskreises Obstbau und Baumwarte" im Landkreis Reutlingen. Er stellt den Bauern einen weiteren Preisanstieg in Aussicht: "Die Region ist dieses Jahr gut dabei. In ganz Deutschland gibt es dieses Jahr weniger Äpfel als bei uns."
Warum die Apfelernte im Ermstal üppig, in anderen Landstrichen dagegen weniger gut ausfällt, weiß Ulrich Schroefel, der Grünflächenberater des Landkreises. Nicht nur das warme Frühjahr ließ das Obst schneller reifen - auch die Frostschäden fielen unter dem Albtrauf wesentlich geringer aus als andernorts. Im Hohenlohenischen und anderen Tallagen etwa, hätten die Nachtfröste den Früchten deutlich mehr zugesetzt als im Kreis Reutlingen.
Ein Grund, weswegen Ulrich Schroefel in Sachen Apfelpreise sogar deutlichen Spielraum nach oben sieht: "Ideal wären 15 bis 20 Euro für 100 Kilo Äpfel - das täte unserer Landschaft gut", urteilt er.
Der Fachmann geht auch deswegen davon aus, dass die Obstpreise stabil bleiben, weil er sich auf Aussagen der Verantwortlichen in den Keltereien beruft. Die nämlich bekamen jüngst immer mal wieder den Ärger der Erzeuger zu spüren. Zum Vergleich: 2008, ebenfalls ein Jahr mit sehr guten Erträgen, mussten die Obstbauern historische Tiefpreise von gerade mal fünf Euro pro Doppelzentner Äpfel akzeptieren.
Obwohl die Preise im Vollertragsjahr 2011 schon heute deutlich höher liegen: Ulrich Schroefel mahnt die Erzeuger zur Geduld. Er warnt davor, schon jetzt späte Apfelsorten wie Boskoop oder Brettacher zu ernten. Die Frühsaison ist die Zeit des Jakob-Fischer, des Gravensteiner und James Grieve - nicht die des Bittenfelder, der durchaus noch sechs Wochen Reife vertragen könne. Und das Warten lohnt sich nicht nur wegen der steigenden Obstpreise, sondern vor allem der Qualität wegen, betont der Experte. "Nur wenn das Obst richtig reif ist, gibts einen guten Apfelsaft."
Und was die Süße angeht: "Der Zucker wird zuletzt gebildet, dafür sind auch kühle Nächte notwendig."
Wer füllt seinen Keller nicht gern mit dem süßen Saft? Bei Rolf Schäfer in Neuhausen und seinen Kollegen in Keltereien und Annahmestellen wird das Obst freilich nicht nur gegen Geld, sondern auch gegen Ware getauscht. Apfelsaft, Orangensaft, Kirschsaft - für die "Tausch-Gutscheine" ist fast alles zu haben.
Ein Trend, der laut Rolf Schäfer immer mehr Anhänger gewinnt: die Herstellung des eigenen Apfelsafts mittels des Bag-in Box-Systems. Immer mehr Mostereien füllen den Saft in einen geschmacks- und geruchsneutralen Kunststoffbeutel mit integriertem Zapfhahn. Und immer mehr Verbraucher schätzen, dass das Getränk in dem mit einem Karton geschützten Beutel auch nach Anbruch noch zwei bis drei Monate haltbar ist.
Ulrich Schroefel freuts. Das Bag-in-Box-System ist für ihn ein Baustein, um die regionale Obstlandschaft zu fördern. Um die Streuobstwiesen zu erhalten brauchts freilich nicht nur die Erzeuger, sondern auch die Verbraucher. Dass die beim Einkauf nicht nach dem Tetrapack-Apfelsaft aus China greifen, sondern Aufpreis-Initiativen wie etwa zu den "Ebbes-guads"-Saft des Landkreises vorziehen, ist dem Grünflächenberater ein wichtiges Anliegen. Schließlich bezahlen diese Initiativen - auch die Secco-Macher der Dettinger Rosstriebkellerei übrigens - den Obstbauern deutlich mehr für ihre Ware als andere Annahmestellen.
Was wiederum wichtig ist, um die Erzeuger zu motivieren. Auf den Obstwiesen im Landkreis gibt es genug zu tun - aber immer weniger schaffigen Nachwuchs und geschulte Baumwarte, beklagen Rolf Schäfer und Ulrich Schroefel unisono. "Viele Parzellen sind ungepflegt, an manchen Bäumen brechen die Äste herunter.
Zwar seien die Schnittkurse meist gut besucht, aber die Lücke, die die Älteren hinterlassen, ist nur schwer zu schließen, sagt Ulrich Schroefel. Und: "Was sind schon 20 Fachwarte für das riesige Gebiet zwischen Urach und Gönningen", fügt Rolf Schäfer an.













